Lesetipp: Fenster zum Tod von Linwood Barclay

Von Manuela Hahn

Der schizophrene Thomas verbringt seine Tage und Nächte auf Whirl360.com, einer Internetseite, auf der der User die Straßen fast aller Städte dieser Welt entlang spazieren kann. Thomas hat die spezielle Begabung sich jede Straße in jeder Stadt einzuprägen und sie innerhalb von Sekunden aus dem Gedächtnis abzurufen. Bei einem virtuellen Spaziergang durch Manhatten entdeckt er in einem Fenster einen Kopf, über den eine Plastiktüte gezogen zu sein scheint, doch niemand glaubt ihm. Selbst sein Bruder Ray, der sich seit dem Tod des Vaters um Thomas kümmert, hält diese Beobachtung für eine Ausgeburt seiner Krankheit. Doch Thomas hält hartnäckig an seiner Behauptung fest. Als plötzlich das Bild aus dem Internet verschwindet, wird Ray misstrauisch und beginnt zu recherchieren. Damit bringt er sich und seinen Bruder in höchste Gefahr.

Neben der Hauptgeschichte hat der Autor noch einen weiteren Handlungstrang untergebracht, in dem es um die Todesumstände des Vaters und ein schreckliches Ereignis in Thomas Kindheit, welches ihn dazu brachte sich noch viel weiter zurückzuziehen, als er das bis dahin ohnehin schon tat, geht.

Als Hitchcock 2.0 bezeichnet der Verlag das Buch und stellt Barclay damit auf eine Stufe mit dem Meister des Psychothrillers. Dort steht er gut. Tatsächlich fühlt man sich an den Filmklassiker von 1954 “Das Fenster zum Hof” erinnert. Der Leser erfährt Parallel zu den Erzählungen aus der Gegenwart, wie es zu dem Bild im Internet kam, welche Rollen der Politiker Sawchuck in seinem Wahlkampf, seine Frau und deren Affäre, sein Wahlkampfhelfer – dessen Mann fürs Grobe – und wiederum dessen Hilfskraft dabei spielen. Diese Erzählweise macht einen großen Teil der Spannung aus. “Fenster zum Tod” ist wie ein kompliziert aufgebautes Dominospiel. Man weiß ein Stein wird fallen, aber nicht welcher. Das entbehrte manchmal nicht einer gewissen Komik ohne lächerlich zu wirken.

Die Protagonisten Thomas und Ray sind fast schon liebevoll gezeichnet. Thomas ist aufgrund seiner geistigen Beeinträchtigung hilflos gegenüber den Anforderungen des normalen Lebens. Alles was über Essen und Körperpflege hinausgeht muss ihm extra gesagt werden. Ray ist hin und her gerissen zwischen der Liebe und Verantwortung seinem Bruder gegenüber und seinem eigenen Leben. Ich konnte mich gut in Ray einfühlen und hatte volles Verständnis für seine Handlungsweise.

Ray hegt den Verdacht, dass der Tod seines Vaters vielleicht doch kein Unfall war und versucht herauszufinden, was wirklich geschah. Dabei kommt er dem schon erwähnten Geheimnis seines Bruders auf die Spur. Dieser zweite Handlungsstrang hätte meiner Meinung nach ein eigenes Buch verdient. Mir ist nicht ganz klar aus welchem Grund der Autor diese Story mit eingebaut hat. Vielleicht weil das Thema gerade populär ist?

Nichtsdestotrotz vergebe ich eine absolute Leseempfehlung für diesen intelligenten und spannend geschriebenen Thriller.

Info Linwood Barclay: Das Fenster zum Tod, Knaur HC, 592, Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-426-21356-8

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