Lesetipp: Grabesstille

Von Anja Rottner


Jahraus, jahrein werden sie an den schrecklichen Tag erinnert, da in einem kleinen Restaurant in Chinatown ein Amokläufer ihre Angehörigen hinrichtete. Doch wer schreibt die Briefe, die besagen, dass der wahre Täter noch immer nicht gefasst sei? Erst als neunzehn Jahre später bei einer Stadtführung durch Boston die Leiche einer Frau gefunden wird, die mit einem antiken chinesischen Ritualschwert verstümmelt wurde, wird der alte Fall wiederaufgerollt. Und nicht immer haben Jane Rizzoli und Maura Isles bei den Ermittlungen das Gefühl, es mit einem leibhaftigen Gegner aus Fleisch und Blut zu tun zu haben …


Das erste Kapitel ist in Ich-Form geschrieben aus der Sicht einer Frau, einer für den Leser unbekannten Frau. Diese beobachtet ein junges asiatisches Mädchen, welches nach der Flucht von Pflegeeltern die Straße ihr Zuhause nennt, das mit Freunden abhängt und später alleine eine verlassene Lagerhalle aufsucht. Hier wird sie von 2 Männern verfolgt und überwältigt – zum Glück ist die Frau, auf der Suche nach dem Mädchen, zur Stelle um sie aus der brenzlichen Situation zu befreien. Bereits nach diesen wenigen Seiten ist Sympathie geschaffen für das Mädchen, Unbehagen bezüglich der bevorstehenden Gewalttat entstanden und ungestillter Wissensdurst bezüglich der Zusammenhänge und der Frau hervorgerufen.


Nach dem Schwenk zu Maura in eine Gerichtsverhandlung, in der sie die Fakten darlegt, ein Opfer das zuletzt in der Obhut eines Polizisten war, sei wohl durch ein Tötungsdelikt ums Leben gekommen. Bei ihrem nächsten Einsatz in Chinatown spürt sie regelrecht die Abneigung der beteiligten Polizisten ihr gegenüber. Einzig der neue Charakter Johnny Tam steht ihr unvoreingenommen gegenüber. Dies ist nun Mauras Kampf – auf der anderen Seite zeigt sich immer wieder Janes nie endender Kampf um Anerkennung in der Männerwelt.


Mauras Auftritte werden im Verlauf des Buches geringer und die zu Beginn aufkeimende Hoffnung Daniel Brophy wieder an Mauras Seite sehen zu können schmilzt dahin und lässt somit den Leser wartend auf Band 10 “Abendruh” (Hardcover 26.4.2013) zurück.


Um auch in einem neunten Band keine Langeweile aufkommen zu lassen wurde ein neuer Erzählstrang eingesetzt. Die neue Figur Iris Fang ist Opfer und sogleich gerät sie auch ständig in die Verdächtigenrolle. Dieser ungewohnte Erzählstrang wird in Ich-Form geschildert und erzeugt durch diverse Äußerungen weitere Fragezeichen für den Leser. Und zudem hat die Autorin immer auf den letzten Seiten noch eine große Portion Aufklärung und Überraschung parat.


Tess Gerritsen nimmt uns mit zu einem Ausflug zu Ihren Wurzeln – der chinesischen Legenden und Mythen so wie auch dem Affenkrieger, welchem eine besondere Rolle zugesprochen wurde. Interessant und Spannend zugleich führt dies durch die Ermittlungen bis Jane und ihr Team auch auf “das fehlende Kapitel der Geschichte” stoßen. So liegen Gerechtigkeit und Rache eng beisammen und über den Zusammenhängen der Taten. Der Titel “Grabesstille” ist erneut ideal gewählt und lässt sich auf die Opfer im Red Phoenix und auf die verschwundenen Mädchen deuten.

Info Tess Gerritsen: Grabesstille, Blanvalet, 416 Seiten, 9,99 Euro, ISBN: 978-3-442-37482-3

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