Wallace neu geschrieben und modernisiert – Interview mit Thorsten Wirth

Drei Autoren lernen sich über das Internet kennen und schreiben gemeinsam ein Buch. Ein Buch in dem sie Edgar-Wallace-Geschichten neu schreiben und ein Stück weit modernisieren. Wir haben mit dem Herausgeber Thorsten Wirth über dieses ungewöhnliche Projekt gesprochen …

Sie haben sich alle drei über das Internet kennengelernt. Erzählen Sie uns wie es dazu kam? Uns drei Autoren ist gemeinsam, dass wir Leser und (in gewisser Weise) Fans des Krimi-Altmeisters Edgar Wallace sind. Wir sind alle in der Wallace-Community www.edgarwallaceweb.de aktiv, wo es mehrere Jahre einen Schreibwettbewerb gab. Ziel war es, eine Geschichte im Stil oder der Art und Weise wie Wallace zu verfassen. Da schließt auch die in den 50er und 60er Jahren in Deutschland entstandenen Filme mit ein, die ja bis heute Kult sind. Es entstanden diverse, auch sehr unterschiedliche Kurzgeschichten, die von den Usern der Seite gelesen und bewertet werden konnten. Kurz und gut: in den drei letzten Durchgängen belegten Marc Freund, Thorsten Beckmann und ich, immer die Plätze 1, 2 bzw. 3. 

Und dann kamen Sie auf die Idee gemeinsam ein Buch zu veröffentlichen … Ja. Der Ehrgeiz hatte uns gewissermaßen gepackt. Wir hatten eine handvoll guter Stories und die Hoffnung, daß es noch mehr Leser geben könnte, die Lust haben, eine nette Kriminalgeschichte im klassischen Setting zu lesen, mit guten, alten Bekannten vielleicht wie Inspektor Elk, dem Hexer, mit den typischen Versatzstücken aus dem Wallace´schen Gruselrepertoire wie dem alten Schloß, dem Geheimgang, dem maskierten Mörder etc. Wir diskutierten intern die Geschichten, lasen gegenseitig alles Korrektur, nahmen gleichzeitig Kontakt zu diversen Verlagen auf. Das war vielleicht der deprimierenste Teil der Vorbereitungen. Newcomer mit Kurzgeschichten (!), dann auch noch “old school” a la Wallace!!! Es hagelte einige Absagen, bis wir mit Fr. Repotente vom Schardt Verlag Oldenburg ins Geschäft kamen.

Die Geschichten in “Über ihnen schwebt der Tod” spielen im England des 20. Jahrhunderts. Wie schwierig ist es in einer Zeit zu schreiben, die man selbst gar nicht erlebt hat? Als Fan der Filme und Bücher hat man viele Dinge vor seinem geistigen Auge. Es kommt ja auch nicht so sehr auf Realität an, sondern auf Phantasie. Nichts desto trotz muss die Geschichte ja glaubwürdig rüberkommen. Ich bin Jahrgang 1967, war also noch nicht geboren, als die Bücher entstanden. Und die Filme habe ich teils im Kino, teils im TV gesehen (und jetzt natürlich auf DVD). Ich glaube, man benötigt ein gutes Allgemeinwissen und Abstraktionsvermögen. Und ich besitze z.B. einen kleinen London-Reiseführer aus den 60er Jahren. So kann man eine vergangene Zeit einigermaßen glaubwürdig auferstehen lassen.

Sie schreiben allesamt Edgar-Wallace-Geschichten nach, kopieren Sie aber nicht nur, sondern interpretieren Sie auch ganz neu. Trotzdem sind Sie dem Original sehr nahe. Wie ist das möglich? Weil wir Edgar Wallace mögen! Ich glaube, das ist das ganze Geheimnis. Wir machen uns über ihn nicht lustig, parodieren ihn nicht und wollen auch keine Eins zu Eins Kopie schaffen. Wir schreiben aus dem heutigen Blickwinkel, aber mit dem Hintergrund der 20er oder 60er Jahre. Da kann man das eine oder andere Detail etwas anders, moderner angehen. Da kann man das Typische in seinem Werk suchen und es dann abändern. Dies führt zu dem Effekt, dass der Leser einerseits eine gewisse Vertrautheit spürt, aber auch etwas neues liest.
Inwieweit haben Sie die Geschichten modernisiert? Wallace´ Originalgeschichten waren ja teilweise sehr stark in der Tradition der gothic novels geschrieben, in gewisser Weise waren es oft auch Abenteuer- und Liebesromane. In unseren Erzählungen kommt doch der klassische Who dun it-Ansatz stärker zur Geltung. Unsere Stories sind vielleicht etwas griffiger, als die des Altmeisters, etwas flotter an mancher Stelle. Trotzdem wirken sie (auf mich) etwas aus der Zeit gefallen, etwas altmodisch im besten Sinn!

Sie schreiben bereits fleißig weiter. Auf was dürfen wir uns denn freuen? Auf weitere klassische Kriminalerzählungen oder etwas neues? Neben den drei Erzählungen mit dem Scotland Yard-Ermittler Inspektor Elk, die im Buch enthalten sind, gibt es drei weitere Elk-Geschichten und die ersten drei als eBook-Serie im Verlag Roegelsnap. Die ersten drei Teile sind auch als Hörbuch produziert und als Download beiwww.soforthoeren.de z.B. erhältlich.
Desweiteren arbeiten wir Drei auch bei einem weiteren Projekt zusammen, den “International Cops”. Es handelt sich um drei lose miteinander verknüpfte Krimi-Serien, die in drei verschiedenen Ländern spielen. Mein Anteil daran ist die Bearbeitung der russischen Beiträge meines Autorenkollegen Mitri Suchoj mit dem Titel “Michail Sokolow – Mörderische Gefahr”. Verfügbar als eBook und Hörbuch.

Sollte man die Original Geschichten von Edgar Wallace kennen, wenn man Ihr Buch lesen möchte? Unsere Geschichten funktionieren alle ohne Kenntniss von Wallace-Filmen oder Büchern. Wenn eine Originalfigur eingeführt wird, bekommt man alle nötigen Hinweise. Als Kenner der Materie wird man allerdings den einen oder anderen Hinweis auf Bücher oder Filme oder Besonderheiten erhalten bzw. Anspielungen darauf entdecken. Vielleicht ist es ja auch umgekehrt: nach dem Lesen unserer Geschichten könnte der eine oder die andere ja auch Lust bekommen, mal eine Originalgeschichte zu lesen oder sich einen Rialto-Film aus den 60er Jahren anzusehen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Wirth!

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